Begegnung mit der Unterschicht
Sehr regelmäßig frequentiere ich ein kleines Einzelhandelsgeschäft der eher günstigen Sorte auf der anderen Straßenseite. Regelmäßig eröffnet sich mir hier das Tor zu einer anderen Welt. Der deutschen UNTERSCHICHT. Hiermit meine ich die Unterschicht im geistigen und zwischenmenschlichen Sinne. Die finanzielle Situation der betreffenden Subjekte ist mir unbekannt, auch wenn ich, nach den im Folgenden wiederzugebenden Erlebnissen geneigt bin, mutig zu spekulieren.
Da ich in recht geordneten Verhältnissen aufgewachsen bin, können mich schon schreiende Menschen auf offener Straße verschrecken und der Umgang mit meinem gewöhnlichen Umfeld vereitelte lange die Einsicht, dass es in unserer Gesellschaft tatsächlich noch eine Schicht jenseits der Schönen und Reichen und der „Normalen“ gibt, unter welchen ich mich – wie vermutlich jeder – zeitlebens wähnte.
In besagtem Einzelhandelsgeschäft arbeitet eine Dame wie eine Dampfwalze. Es sei darauf hingewiesen, dass ich hiermit lediglich ihre sozialen Kompetenzen umschreibe. Derartige Vergleiche zu körperlichen Anlagen zu ziehen ist mir zuwider, wobei ich nicht ausschließe, dass die Umschreibung geeignet wäre.
In den Focus meiner Aufmerksamkeit rückte D (abk. wahlweise: Dame, Dampfwalze, Dummbrot) zum ersten Mal in folgender Situation:
Der Laden: Gerammelt voll. Eine Kasse geöffnet. D an der Kasse. Ungeduldige Kunden in der Schlange: Mindestens 30. Aufmerksame Beobachtung des Geschehens durch diese: 100%. Kunde an der Kasse: Ein armes, zu allem Überfluss noch artikulationsunfähiges Schwein (S).
D (wie immer brüllend): „Dess goht net. I kann Ihne kei Bargeld gähbe.“
S: „Murmel“
D (brüllend): „Nei, sell goht nit. Dess dearf i net, dess hett’s Sozialamt gseit. Des isch verbote.“
S: (gesenkter Kopf): „Murmel“
D (brüllend): „Nei, auch nett nur de Pfand.“
S: „Murmel“
D (lauter brüllend): „He nei, Sie derfe kei Bargeld kriege, dess müsse die kontrolliere.“
S (sehr klein mit Hut): „Murmel“
D (brüllend): „Dess hätte Sie devor mache müsse, noh hett ich’s verrechne kenne.“
S: „Murmel“
D (brüllend): „Ha joa, jetzett nähme Sie die Flasche (badischer Plural), widda miet en bringe Se se mir s’nägscht Mohl wieder...“
An dieser Stelle möchte ich ausblenden. Um die Spannung nicht gähren zu lassen: Nach einigem halbherzigen Protest trollte sich S, mit gesenktem Haupt, einer Tüte voll Pfandflaschen und vollständig vernichtetem Selbstwertgefühl unter aufmerksamer Beobachtung von 30 Kunden seines Weges.
Ich plädiere für eine Integration der Faches Psychologie in die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmenschen, sowie einen Crashkurs in Verfassungswerten. Wie kann man nur so maßlos geistfrei sein? Irgendwo muss man doch, irgendwann, irgendwie gelernt haben, wie man mit anderen Menschen umgeht. Bei Mama und Papa, in der Schule, im Fernsehen (zumindest als es so eine ausgemachte Scheiße wie DSDS noch nicht gab). Erschwerend kommt noch hinzu, dass es sich hier nicht um eine gewöhnliche zwischenmenschliche Situation, sondern um ein Verkäufer-Kunden-Verhältnis handelte. Hier hätte ich besonderes Zuvorkommen und selbstverständlich ein Mindestmaß an Diskretion erwartet. Allen Geschäftsführern kann ich nur raten vergleichbares Personal umgehend aus Arbeitsfeldern mit Kundenkontakt zu entfernen. Gestiert haben zwar alle Anwesenden, bis auf wenige dürfte es aber auch allen peinlich gewesen sein. Vermutlich aber ist D selbst Filialleiterin. In besagtem Geschäftszweig werden derartige soziale Kompetenzen vermutlich als „Führungsqualität“ eingestuft.
Ich war peinlich berührt, voller Mitgefühl für S und hätte D am liebsten über angemessene Kundenbetreuung instruiert. Leider hielt mich die große räumliche Distanz (ich stand ganz hinten in der Schlange) davon zurück. Das ist natürlich keine gute Entschuldigung und im Nachhinein bedauere ich meine Schwäche. Also nahm ich mir vor, bei nächster Gelegenheit „etwas zu sagen.“
Sehr bald schon glaubte ich, dass diese gekommen sei, als ich einige Tage darauf das Gebrüll von D vernahm. Diesmal hielt mich aber die Antwort des Angesprochenen zurück, die keineswegs unangenehm berührt zu sein schien. Kurz darauf hatte ich mir Überblick über die Situation verschafft. Ein Punk (P) hatte nach dem Verbleib der Kekstheke gefragt. D – offensichtlich mit P bekannt - hatte ihn wohl mit so etwas wie gespielter Entrüstung angewiesen doch „mal die Augen aufzumachen.“ Die Darbietung war erschreckend überzeugend. D fuhr fort: „Mir henn umbaut.“
P: „Ich seh’s.“
D: „Wahrsch scho lang nimmi da!“
P: „Joah.“
D: „Siehsch ä wing zafleddert aus. Was hesch wieder ahgschtellt?“
P: „War im Knast!“
Angesichts der Gutmütigkeit der Beteiligten hielt ich mich also zurück. Dennoch wollte ich den Dialog ob seiner gewissen Komik nicht verschweigen.
Einige Wochen zogen ereignislos ins Land und so stand ich völlig unvorbereitet mit einem Brötchen und einer Flasche Malzbier an der Kasse, als ich einmal mehr ein inzwischen vertrautes Gebrüll vernahm. Der Inhalt war zunächst unverständlich, die Aggression in der Stimme dafür umso unmissverständlicher. Mein Entschluss, diesmal einzuschreiten und hilflose Einkäufer auf Nahrungssuche vor Erniedrigungen und Depressionen zu schützen stand. Unverschämte Menschen gibt es nur, weil sich niemand traut, ihnen die Meinung zu geigen. Das Problem war nur: Ich konnte den Ursprung des Störung nicht ausmachen. Noch stand ich recht weit hinten in der Schlange, so dass mir die Sicht auf die Kasse durch ein Regal verstellt war, mir wurde aber auch klar, dass die Quelle des Gallenflusses sich irgendwo dahinter befinden musste. Während ich nach einer Lösung des Problems suchte wurde die Stimme langsam verständlich.
D (brüllend... nicht wie sonst, sondern stinksauer): „Bisch du denn bescheiert? ... Seid ihr denn beide bescheiert?“
(...) (Pause in der vermutlich eine Antwort folgte.)
D: „Nein! Nein hab i gsagt. Behwäg... Sofort bewähgsch du deinen Arsch in die Schule! I glaub dir henn se ins Hirn gschisse!“
(...)
An dieser Stelle wurde mir bewusst, dass das Verhalten D’s fraglos unmöglich war, ich aber meine Entscheidung mich zum Retter der Menschenwürde aufzuschwingen noch einmal überdenken musste. Denn es erfordert bemerkenswertes diplomatisches Geschick, eine ihre „Erziehungsaufgaben“ wahrnehmende Mutter in aller Öffentlichkeit über angewandte Pädagogik sowie Spracherziehung zu instruieren, gleichzeitig deren tätlichen Angriff abzuwehren und am Ende Einsicht und ein Versprechen der Besserung für die Zukunft zu erwirken.
D: „Nei, i glaub dir hackt’s. Nei. Bei dir isch ja wohl ebbis durchbrannt. Bäwähg sofort dein fette Arsch in’ d Schul. Un du auch... “
(...)
Inzwischen stand ich etwas weiter vorne an der Kasse und konnte erkennen, dass besagtes Szenario auf der Straße unmittelbar vor dem Geschäft stattfand, wobei mir aber nach wie vor die Sicht verstellt war. Da also vorerst kein heldenhaftes Einschreiten meinerseits in Aussicht stand, tat ich, als ob ich nichts bemerken würde und hoffte auf eine baldige Beruhigung der Temperamente. In diesem Augenblick kam ein Mädchen (M), lassen wir sie 14 bis 16 Jahre alt sein durch die Eingangstür - D so sehr aus dem Gesicht geschnitten, dass dies wirklich jeden möglicherweise noch latent vorhandenen Zweifel bzgl. bestehender Verwandschaftsverhältnisse ausräumte. Auch sonst ganz die Mama, was auf eine regelmäßige McDonald’s Diät in Kombination mit einer sorgfältigen Fernsehbildung schließen ließ.
M: „Lass mich in Ruhe, du hast mir gar nix zu sagen.“
Hintendrein folgte ein etwa gleichaltriger Junge mit mindestens einer Tube Gel in den Haaren, und in einem vollständig weißen Trainingsanzug.
D: „Komm sofort hierher... nei, nix gibt’s. Nix. Hier verkauft dir keiner Sekt.“ (Noch lauter in den Laden): „Sie kriegt kei’ Sekt!“
M dreht sich um. „Des gäht dich gar nix an.“
D: „Ihr sinn ja nimmi zu rätte. Bewähgt sofort eur’n Arsch in d’ Schul... un lass du dich nie wieda bimm Schwänze’ erwische... I rats dir. Un den Verlobungsring kenne ihr gleich zurückbringe.“
(...)
Wiederum möchte ich hier ausblenden. Um den Ausgang nicht vorzuenthalten und noch einmal alles klarzustellen. Es stellte sich noch heraus, dass M und ihr Freund dem Schulunterricht ferngeblieben waren um einen Verlobungsring anzuschaffen. Bei dem Versuch eine Flasche Sekt - zwecks ordentlicher Begießung dieses kolossal wichtige Ereignisses im Leben zweier pubertierender Teenager – zu aquirieren, hatten sich die beiden unkluger Weise von M’s Mutter erwischen lassen, die sich ernsthafte Sorgen um die Zukunft ihrer Tochter zu machen schien. Auch war D wohl der Ansicht, dass der Entschluss zur ewigen Bindung noch einiger weiterer sorgfältiger Erwägungen bedürfe. Im Gegensatz dazu schien M der Ansicht zu sein, dass sie sich nach der Verehelichung um die Zukunft keine weiteren Gedanken machen müsse und sich D dann ja nicht mehr in ihr Leben einzumischen brauche. Schlussendlich zog M mit beleidigter Miene und erhobenem Mittelfinger von Dannen.
Inhaltlich muss ich D wohl zustimmen. Allein die „zwanglose“ Wahl von Ort, Lautstärke und Form des Gespräches mit der Tochter, geben mir Anlass mich um den Stand der Bildung der Beteiligten zu sorgen. Vielleicht ist das aber auch einfach normal.
Philipp (DRXS aka Avalon Purity)