Generation IPod



Seit kurzem bin ich stolzer Besitzer eines Ipods. Es war keine imaginäre technische Überlegenheit, die mich zum Kauf veranlasste, sondern schlicht der Name Apple. Ich bin seit Jahren Applefreak und jetzt passt mein MP3 Player zu meinem Notebook, wie schön. - Nur um gesagt zu haben, dass der Ipod technisch gesehen mal gar keine Revolution darstellt. MP3 Player gab es schon vorher. In gewisser Weise hat der Ipod aber doch eine Revolution ausgelöst, oder wenigstens die des Walkmans wieder aufgewärmt. Das geht soweit, dass er gelegentlich als Symbol unserer Kultur herhalten muss. Meist sind die Leute die dieses Bild wählen alternativ angehauchte Gesellschaftskritiker, die im Anschluss daran auf verschiedene - ihrer Meinung nach - gesellschaftliche Missstände hinweisen. Von diesen Leuten, die im übrigen jede technische Mode hassen, werden die gleichen Argumente mobilisiert wie dereinst beim Walkman.

Da ich also ab sofort selbst Mitglied der "Generation Ipod" (wer hat sich eigentlich diesen saublöden Ausdruck einfallen lassen?) bin, sehe ich mich wie alle anderen Ipodbesitzer dem bösen Vorwurf unserer Kritiker ausgesetzt, das Aufsetzen der weißen Kopfhörer (natürlich stellvertretend für alle Kopfhörer) stelle ein antisoziales Verhalten dar, oder würde solches wenigstens fördern. Das Horrorszenario, welches diesen guten Menschen schlaflose Nächte bereitet, sind Innenstädte voller Artgenossen, die sich hilfs ihrer weißen Kopfhörer in einen akustischen Kokon einspinnen und sich so der realen Welt entziehen. "Ein Ipodträger nimmt seine Umwelt nicht mehr war und bringt seinen Mitmenschen keine Aufmerksamkeit entgegen." Ist das nicht entsetzlich? Ich frage mich allen Ernstes aus was für einem Selbstverständnis so eine beleidigte Idee entsprungen sein muss. Das erinnert mich an eine weltverbesserungswütige Religionslehrerin meiner frühen Jugend, die ihren Schülern prädigte doch einfach mal einen Fremden in den Arm zu nehmen der dem bedarf. Ich vermute, die meisten Opfer dürften schlagartig die Flucht ergriffen haben. Aber zurück zum Thema, in was für einer Welt leben diese Menschen, ich jedenfalls bringe den anderen gesichtslosen menschlichen Körpern in Innenstädten mit und ohne Ipod etwa gleich viel Aufmerksamkeit entgegen. Ungefähr gar keine nämlich. Vermutlich habe ich unseren weltfremden Freunden schon wieder ans Schienbein getreten, da sie ja genau das zu vermeiden suchen. Aber so ist die Realität, ich bin nicht besonders bösärtig, sondern in dieser Beziehung nur wie fast alle anderen Erdlinge auch. Abgesehen von wenigen Ausnahmen schaut man den anderen Menschen, denen man auf der Straße begegnet noch nicht mal ins Gesicht. Das ist aber nicht schlimm, das ist einfach Realität und auch nicht erst so, seid es Ipods, Walkmans, Handies oder irgend eine andere Form persönlicher Elektronikbespaßungen gibt.

Jedenfalls schätze ich ganz im Gegensatz zu besagten Ipod-Feinden die Vorzüge der akustischen Eigenwelt sehr und kann jeden bestens verstehen, der mir auf der Straße keine Aufmerksamkeit schenkt und sich stattdessen lieber einer musikalischen Seelenmassage seiner Wahl widmet. In meiner akustischen Eigenwelt höre ich nichts von asozialen, im Zug rumproletenden Jugendlichen, die den Rest des Zuges mit den neusten Asso-Rap-Klingeltönen an den Rand des Wahnsinns treiben. Ich höre nichts von den "des isch so 'ne Schlampe"-Gesprächen der unterschichtenfernsehverdummten Friseurinnenauszubildenden neben mir, die ihren nutzlosen Informationsmüll in den Äther bläßt, bloß damit sich am Ende des Monats die Handy-Flatrate gelohnt hat. Auch entgeht mir vollkommen das Gehetze wütender Seniorinnen, die sich lautstark über die Dreistigkeit einer panisch auf die gleich anstehende Klausur lernende Schülerin erregen, die es unterlassen hat ihnen ihren Sitzplatz anzubieten. Dabei sind besagte Seniorinnen mit Stock und Rucksack ausgerüstet, offensichtlich auf dem Weg zu einer größeren Wandertour. (Nein, denen kann man es wirklich nicht zumuten zu stehen...) All dies und noch viel mehr musste ich erleben, als ich noch keinen Ipod hatte. Somit erreiche ich jetzt meist sehr viel entspannter und vom Stumpfsinn meiner Mitmenschen verschont, mein Ziel. Das führt dazu, dass meine Mitmenschen mich weitaus erfrischter antreffen, wodurch ich ihnen jede Menge Freundlichkeiten und Aufmerksamkeit entgegenbringe. Philipp (DRXS aka Avalon Purity)



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